INITIATIVE. Finanzbildung wird in Tirol zum gemeinsamen Anliegen: Eine neue Initiative bündelt Kräfte, bestehende Angebote und Praxiswissen. Ziel ist, Jugendliche besser auf finanzielle Entscheidungen vorzubereiten – von der Budgetplanung bis hin zur Schuldenprävention.
Ein Handy auf Raten kaufen. Das erste Moped oder Auto finanzieren. Einen Mietvertrag unterschreiben. Ein Haushaltsbudget planen. Das sind Entscheidungen, die junge Menschen spätestens dann treffen müssen, wenn sie im „echten Leben“ angekommen sind. In der Schule werden diese Fragen aber oft nur am Rand behandelt. Genau hier setzt eine neue Tiroler Initiative an: Finanzbildung soll früher, praxisnäher und breiter bei Jugendlichen verankert werden. In Tirol formiert sich derzeit eine Arbeitsgruppe, die dieses Thema vorantreiben will. Mit dabei sind die Volkswirtschaftliche Gesellschaft Tirol, die Sparte Bank und Versicherung der Wirtschaftskammer Tirol, die Fachgruppe Finanzdienstleister, die Oesterreichische Nationalbank und die Arbeiterkammer Tirol. Finanzbildung soll in Tirol nicht als Einzelaktion verstanden werden, sondern als gemeinsames Anliegen. Jetzt nimmt die operative Arbeit Fahrt auf. Denn Finanzbildung ist mehr als das Wissen, wie man ein Konto eröffnet oder eine Überweisung macht. Sie soll junge Menschen befähigen, finanzielle Entscheidungen im Alltag besser einzuordnen, Risiken früher zu erkennen und Verantwortung für die eigene Zukunft zu übernehmen.
Gemeinsam für mehr Finanzwissen
Ein wichtiger Partner in dieser Initiative ist die Volkswirtschaftliche Gesellschaft Tirol. Sie setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, wirtschaftliche Zusammenhänge verständlich, altersgerecht und praxisnah zu vermitteln. Jugendliche sollen erleben können, wie wirtschaftliche Entscheidungen entstehen, wie Verantwortung übernommen wird und welche Folgen der Umgang mit Geld, Risiko und Chancen hat. Dafür braucht es geeignete Rahmenbedingungen quer durch alle Altersund Schulstufen. Finanz- und Wirtschaftsbildung soll nicht nur theoretisch vermittelt, sondern praktisch gelebt werden – etwa durch Projekte, Planspiele, unternehmerische Lernformen, Begegnungen mit der Praxis und Angebote, die wirtschaftliches Denken konkret erfahrbar machen. Ebenso entscheidend ist die Rolle der Pädagoginnen und Pädagogen. „Finanz- und Wirtschaftsbildung kann nur dann nachhaltig wirken, wenn sie bei den Jugendlichen ankommt. Dafür braucht es nicht nur gute Konzepte, sondern auch gut ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen, die diese Themen verständlich, neutral und praxisnah vermitteln können. Gerade hier müssen auf Bundesebene klare Schwerpunkte und ausreichende Ressourcen gesetzt werden“, sagt Markus Abart von der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft Tirol.
Auch für Patrick Götz, Obmann der Sparte Bank und Versicherung, ist Finanzbildung eine entscheidende Zukunftskompetenz. Sie schafft die Grundlage für finanzielle Gesundheit und Wohlbefinden. „Gerade junge Menschen wünschen sich mehr Finanzwissen, um ihre Zukunft selbstbestimmt gestalten zu können. Umso wichtiger ist es, Finanzbildung frühzeitig zu stärken und allen Menschen zugänglich zu machen. Sie fördert Eigenverantwortung und ist zugleich ein wichtiger Baustein für einen wettbewerbsfähigen und zukunftsfitten Wirtschaftsstandort“, betont Götz. „Finanzbildung befähigt Menschen, fundierte finanzielle Entscheidungen zu treffen – und auch Informationen und Beratungen dazu richtig einzuordnen – und schützt damit auch vor finanziellen Fehlentscheidungen und Fehltritten. Eine gut ausgeprägte Finanzkompetenz stärkt nicht nur die finanzielle Sicherheit jedes Einzelnen, sondern trägt auch zu mehr Chancengleichheit und sozialer Teilhabe bei“, unterstreicht Michael Posselt, Obmann der Finanzdienstleister in der WK Tirol.
Günstiger Zeitpunkt
Dass der Zeitpunkt für eine gemeinsame Initiative günstig ist, zeigt der politische und gesellschaftliche Rückenwind. In der aktuellen Konsumentenbefragung der WK Tirol gemeinsam mit der Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung sprechen sich rund 80 % der Tirolerinnen und Tiroler für zusätzliche Unterrichtsbereiche wie Wirtschaftsbildung und Berufsorientierung aus. Das ist ein starkes Signal: Die Bevölkerung spürt, dass junge Menschen mehr Orientierung brauchen – beim Umgang mit Geld, bei Ausbildung und Beruf, bei Verträgen, bei Schuldenprävention und beim Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge. Dahinter steht eine einfache Erkenntnis: Wirtschaftsbildung ist Lebensbildung. Wer versteht, wie Arbeit, Einkommen, Preise, Steuern, Unternehmen und persönliche Finanzentscheidungen zusammenhängen, ist im Alltag besser gerüstet. Auch im Wirtschaftsparlament der Wirtschaftskammer Tirol wurde die Stärkung der Wirtschaftsund Finanzbildung an Österreichs Schulen bereits klar eingefordert. Der Bund soll im Rahmen der nationalen Finanzbildungsstrategie und in enger Abstimmung mit dem Bildungsministerium, der Wirtschaftskammer Österreich und der Stiftung Wirtschaftsbildung die Wirtschafts- und Finanzbildung deutlich ausbauen. Ziel ist ein eigenständiges, praxisorientiertes Unterrichtsfach ab der Sekundarstufe 1 – oder eine verbindliche und sichtbare Integration dieser Inhalte in bestehende Fächer. Dabei geht es um einen bundesweit abgestimmten Lehrplan mit klaren Lernzielen und starkem Praxisbezug: Budgetierung, Schuldenprävention, Versicherungen, Vorsorge, Vertragsrecht, wirtschaftliche Zusammenhänge und unternehmerisches Denken sollen nachvollziehbar und altersgerecht vermittelt werden. Ebenso wichtig ist die Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen.
Auch auf Bundesebene gibt es Bewegung. Das Bildungsministerium will Wirtschafts- und Finanzbildung stärker im Schulsystem verankern – etwa über neue Lehrpläne, wirtschaftliche Bildung in bestehenden Fächern, das Schulfach „Wirtschaft, Innovation und Nachhaltigkeit“ und Initiativen wie „Ready4Finance“ - einem Zertifikat für Schulen der Sekundarstufe I, die sich besonders in der Finanz- und Wirtschaftsbildung engagieren. Für Tirol ist das eine Chance: Wenn der Rückenwind auf Bundesebene da ist, muss er vor Ort genutzt werden.
All diese Faktoren können jedoch nur wirksam werden, wenn auch die Jugendlichen mitmachen. Und hier sieht es gut aus: Jugendliche zeigen eine hohe Bereitschaft für eine Stärkung der Finanzbildung, wie die aktuelle YEP-Jugendstudie zur Finanzbildung 2026 belegt.
Vom Rückenwind zur Umsetzung
Bei dieser vielversprechenden Ausgangslage setzt die Tiroler Arbeitsgruppe an. Sie kann bestehende Angebote sichtbarer machen, neue Formate entwickeln und Kräfte bündeln – wie beispielsweise durch Abstimmungsgespräche mit der Stadt Innsbruck. In Tirol gibt es bereits Initiativen, auf denen aufgebaut werden kann: von der Aktion „Go for IT“ für Schulen über FIRI (Finanz- und Risikomanagement) bis zu praxisorientierten Wirtschaftsbildungsangeboten der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft Tirol und dem Pilotprojekt für Volksschulen „Finanzdschungel“ der Sparte Information und Consulting. Entscheidend ist nun, diese Angebote besser zu verzahnen, Lücken zu schließen und Finanzbildung als gemeinsamen Bildungsauftrag zu verstehen.
Ein erster sichtbarer Output ist bereits geplant: Am 5. Oktober 2026 veranstalten die Wirtschaftskammer Tirol und die Österreichische Nationalbank gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Tirol den Tag der Finanzbildung. Er soll das Thema weiter in die Öffentlichkeit tragen, Schulen, Institutionen und Praxispartner zusammenbringen und zeigen, wie Finanzbildung konkret aussehen kann. „Der Tag der Finanzbildung ist Auftakt und Signal zugleich: Tirol will jungen Menschen mehr Sicherheit im Umgang mit Geld geben – und ihnen jene wirtschaftlichen Grundkompetenzen vermitteln, die sie im echten Leben brauchen“, betont Markus Abart abschließend.
Quelle: Den Originalartikel finden Sie in der Tiroler Wirtschaft auf Seite 40.