Wie können Betriebe junge Nachwuchskräfte für sich begeistern? Wie können Schulen Wissen optimal vermitteln und Jugendliche bestmöglich auf das Erwerbsleben vorbereiten? Und wie können Unternehmen ihre Produkte und Dienstleistungen so ausrichten, dass sie junge Zielgruppen tatsächlich erreichen?
Diese Fragen beschäftigen Betriebe aller Branchen – nicht zuletzt vor dem Hintergrund des zunehmenden Fach- und Arbeitskräftemangels. Klar ist dabei: Es gibt gegenseitige Erwartungen. Unternehmen haben konkrete Anforderungen an junge Menschen, Jugendliche wiederum klare Vorstellungen davon, wie sie arbeiten, lernen und leben wollen. Kommunikation ist dabei keine Einbahnstraße – und genau deshalb braucht es aktuelle, fundierte Einblicke in beide Perspektiven. Einen wichtigen Blick aus Sicht der Betriebe liefert eine Umfrage des Bildungsconsultings, die erhoben hat, was Tiroler Unternehmen von Jugendlichen beim Einstieg ins Berufsleben erwarten. Umgekehrt hat die Wirtschaftskammer Tirol derzeit erstmals eine eigene Tiroler Jugendstudie in Auftrag gegeben. Sie soll sichtbar machen, wie Tiroler Jugendliche heute denken, was sie bewegt und welche Erwartungen sie an Bildung, Arbeit und Zukunft haben. „Wer die Jugend verstehen will, muss ihr zuhören – und zwar auf Basis verlässlicher Daten“, betont David Narr, Fachkräftekoordinator der Wirtschaftskammer Tirol, „nur so können Betriebe, Schulen und Interessenvertretungen die richtigen Schlüsse ziehen.“
Was im Arbeitsalltag wirklich zählt
Die Umfrage des Bildungsconsultings „Was erwartet sich die Wirtschaft von der Jugend?“ richtete sich an Tiroler Ausbildungsbetriebe, die täglich mit jungen Menschen arbeiten. Die Rückmeldungen stammen vor allem aus dem Gewerbe und Handwerk, der Industrie sowie dem Tourismus – überwiegend von mittleren Unternehmen. Abgefragt wurden zentrale Kompetenzfelder, die aus Sicht der Betriebe für einen erfolgreichen Start ins Berufsleben entscheidend sind.
Besonders wichtig sind den Unternehmen persönliche und soziale Fähigkeiten. Zuverlässigkeit und Lernbereitschaft stehen dabei ganz oben, ebenso Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit. Methodisch erwarten Betriebe vor allem Organisationsfähigkeit und Problemlösungskompetenz. Auch digitale Grundkompetenzen spielen eine zentrale Rolle – insbesondere der sichere Umgang mit digitalen Werkzeugen. Bei Bewerbungen legen Unternehmen großen Wert auf vollständige und sorgfältige Unterlagen; Schulnoten sind hingegen weniger ausschlaggebend als persönliche Eindrücke, etwa bei Gesprächen oder Schnuppertagen. „Betriebe suchen vorwiegend Jugendliche, die Verantwortung übernehmen, aufmerksam mitarbeiten und gut ins Team passen“, fasst Studienleiterin Tanja Köhler zusammen. „Diese Faktoren wiegen in der Praxis oft deutlich mehr als formale Kriterien.“
Was Jugendliche in Tirol bewegt
So wichtig die Sicht der Betriebe ist – sie bildet nur eine Seite der Medaille ab. Wer Jugendliche erreichen, ausbilden und langfristig binden will, muss auch ihre Lebenswelten, Werte und Erwartungen kennen. Genau hier setzt die Tiroler Jugendstudie an, die derzeit im Auftrag der Wirtschaftskammer Tirol umgesetzt wird. Bisher lagen vergleichbare Daten nur auf österreichweiter Ebene vor. Doch Tirol unterscheidet sich in vielen Punkten: durch seine Wirtschaftsstruktur, durch regionale Besonderheiten, durch die hohe Bedeutung der Lehre und durch die enge Verbindung zwischen Schule, Betrieb und Region.
Die Studie richtet sich an Schülerinnen und Schüler der 7. bis 9. Schulstufe – aus Mittelschulen, Polytechnischen Schulen und AHSUnterstufen – und wird über Tirol verteilt durchgeführt, um ein repräsentatives Bild zu erhalten. Die Befragung erfolgt anonym direkt im Klassenverband. Erhoben werden zentrale Themen – von Werten, Zufriedenheit und Belastungen über die Bedeutung von Arbeit im Leben junger Menschen bis hin zu Leistungsbereitschaft, Motivation sowie konkreten Vorstellungen zu Bildung, Lehre und Berufswahl. Ergänzend dazu werden im Frühjahr Fokusgruppen mit Jugendlichen aus den genannten Schulformen durchgeführt, um Lebensrealitäten und Herausforderungen vertiefend zu erheben. „Jede Generation bringt eigene Erwartungen, Kommunikationsformen und Prioritäten mit“, erklärt David Narr. „Wenn wir Fachkräfte sichern wollen, müssen wir diese Unterschiede verstehen und ernst nehmen – besonders in der Lehrlingsausbildung.“ Die Tiroler Ergebnisse werden den österreichweiten Daten gegenübergestellt und ermöglichen damit einen klaren Vergleich: Wo ticken Tirols Jugendliche ähnlich, wo gibt es Besonderheiten, auf die Betriebe und Schulen reagieren sollten? All dieses Wissen ist für die Jugendlichen ein direkter Gewinn. Je näher Angebote an den tatsächlichen Bedürfnissen junger Menschen liegen, desto besser können Potenziale genutzt und entfaltet werden.
Breiter Nutzen für alle Zielgruppen
Die Studie ist keine theoretische Fleißaufgabe, sondern ein Praxisinstrument. Für Unternehmen liegt der Nutzen auf der Hand. Die Studie liefert Hinweise, wie Jugendliche angesprochen werden wollen, welche Themen ihnen wichtig sind und welche Faktoren ihre Berufswahl beeinflussen. Das hilft Betrieben, Ausbildungsangebote, Berufsorientierungsmaßnahmen und ihre Kommunikation zielgerichteter zu gestalten. „Gerade für Lehrbetriebe ist es entscheidend zu wissen, wie Jugendliche heute denken – sonst reden wir aneinander vorbei“, so Narr. Auch für Schulen bieten die Ergebnisse eine wertvolle Grundlage und liefert Schulleitungen und Lehrkräften verlässliche Daten für das Qualitätsmanagement. Wer versteht, welche Themen Schülerinnen und Schüler beschäftigen, kann Berufsorientierung und Unterricht stärker an der Lebensrealität der Jugendlichen ausrichten und die Schnittstelle zur Wirtschaft weiter verbessern. Lehrkräfte erhalten Vergleichswerte zur nationalen Lage – sie sehen, wo ihre Schule besonders stark ist und wo gezielter Unterstützungsbedarf besteht. All diese Erkenntnisse sind für die Jugendlichen ein direkter Gewinn: Je näher Angebote an den tatsächlichen Bedürfnissen junger Menschen liegen, desto besser können Potenziale genutzt und entfaltet werden. Die Präsentation der Studienergebnisse wird am 15. April erfolgen und richtet sich gezielt an Lehrbetriebe, Lehrpersonen und weitere Akteure im Bereich Bildung und Arbeitsmarkt.
Fazit: Wissen als Schlüssel zur Fachkräftesicherung
Die Tiroler Jugendstudie ist kein Selbstzweck, sondern ein strategisches Instrument. Sie verbindet die Erwartungen der Betriebe mit der Perspektive der Jugendlichen und schafft damit eine gemeinsame Wissensbasis. Für Unternehmen bedeutet das mehr Sicherheit bei Ausbildungsentscheidungen, für Schulen eine stärkere Praxisnähe – und für den Standort Tirol bessere Voraussetzungen, junge Menschen langfristig im Land zu halten. „Unser Ziel ist es, Brücken zu bauen: zwischen Schule und Betrieb, zwischen Erwartungen und Realität“, fasst David Narr zusammen. „Denn nur wenn wir die Jugend verstehen, können wir ihre Zukunft – und damit auch die Zukunft unseres Wirtschaftsstandorts – aktiv gestalten.“
Quelle: Den Originalartikel finden Sie in der Tiroler Wirtschaft auf Seite 40.
Valide Daten statt Stereotype
Studienautor Heinz Herczeg, Geschäftsführer LifeCreator Consulting erklärt, welchen Nutzen eine regionale Studie liefern kann und wie Jugendliche, Betriebe und Schulen davon profitieren können.
Warum ist eine Jugendstudie wichtig?
Weg von Zuschreibungen, hin zu Realität und Respekt. In Schulen, Betrieben und öffentlichen Debatten hören wir immer wieder dieselben Vorteile: zu wenig belastbar, unklar orientiert, nicht loyal, ständig am Handy. Mein Zugang ist ein anderer. Diese Zuschreibungen sagen mehr über unsere Erwartungen aus als über junge Menschen selbst. Zudem fühlen sich viele junge Menschen dadurch nicht verstanden. Eine Jugendstudie schafft hier einen evidenzbasierten Reality-Check. Sie zeigt, wie es Jugendlichen tatsächlich geht: was sie motiviert, was sie belastet, wovor sie Sorge haben – und warum ihr Verhalten oft missverstanden wird.
Warum braucht es eine regionale Variante?
Wir sehen signifikante Unterschiede zwischen den Bundesländern. Bildungsangebote, Arbeitsmärkte, Mobilität, soziale Infrastruktur und kulturelle Prägungen unterscheiden sich deutlich. Eine bundesweite Durchschnittszahl hilft wenig, wenn Entscheidungen vor Ort getroffen werden. Regionale Daten machen sichtbar, wo Herausforderungen ähnlich sind – und wo völlig andere Maßnahmen notwendig sind.
Welchen Nutzen erwartet man von den Ergebnissen?
Die Ergebnisse liefern einen nüchternen Realitätsabgleich für Generation Z und Generation Alpha. Sie zeigen, dass viele gängige Meinungen wissenschaftlich nicht haltbar sind. Einstellungen und Verhalten sind stark von Lebensumständen, Belastungen und Zukunftssorgen geprägt und wirken sich messbar auf Lernen und Arbeiten aus. Gerade deshalb sind valide Daten entscheidend: Sie ersetzen Pauschalurteile durch differenzierte Einschätzungen und ermöglichen zielgerichtete, menschenzentrierte Maßnahmen.
Welche zentralen Themen werden erhoben?
Erhoben werden zentrale Themen von Werten und Lebenszufriedenheit über Arbeit im Lebenskontext und Motivation bis hin zu Digitalisierung, Bildung und Lehre sowie der Arbeitgeberwahl.
Wie schätzen Sie die Bereitschaft von Betrieben und Schulen ein?
Viele Organisationen wollen reagieren, wissen aber nicht wie. Es fehlt oft nicht am Willen, sondern an Daten, Hintergrundwissen, Übersetzung und Umsetzbarkeit. Dort, wo Studienergebnisse ernst genommen werden, entstehen sehr wohl neue Lern-, Arbeits- und Führungsmodelle. Gleichzeitig zeigt sich klar: Dort, wo junge Menschen Wertschätzung erfahren und ernsthaft beteiligt werden, steigen Motivation, Leistungsbereitschaft und Verantwortungsübernahme deutlich. Beteiligung ist damit kein „Nice-to-have“, sondern ein wirksamer Hebel für Engagement und Entwicklung.
Welche Schlussfolgerungen werden sich aus der Studie ziehen lassen?
Die Studie wird zeigen, wie wichtig es ist, Jugendliche differenziert, statt pauschal zu betrachten. Für junge Menschen bedeutet das, dass ihre Lebenslagen und Herausforderungen ernst genommen werden und sie gezielter dort unterstützt werden können, wo sie stehen. Betriebe gewinnen ein realistischeres Bild junger Erwachsener, können Stereotype abbauen und Ausbildungs- sowie Arbeitsbedingungen passender gestalten. Und Schulen erhalten eine fundierte Grundlage, um Lernformate, Anforderungen und Unterstützungsangebote besser auf unterschiedliche Belastungen und Bedürfnisse abzustimmen.
Zur Person: Für den Vertriebsprofi und erfahrenen Personalmanager in internationalen Konzernen steht eines im Mittelpunkt: der Mensch und seine Motive. Als Initiator von Studien wie „Jugend in Österreich“ und dem „Jobselling Report“ liefert Heinz Herczeg fundierte Einblicke in die Erwartungen, Stimmungen und Beweggründe (junger) Österreicher:innen. Er ist unter anderem in der Schulentwicklung tätig und unterstützt bei der Berufsorientierung für die Lehre.