Die Trendstudie des Beratungsunternehmens lifeCreator „Jugend in Österreich 2026“ liefert ein differenziertes Bild der jungen Generation: Jugendliche wollen leisten, Verantwortung übernehmen und ihre Zukunft aktiv gestalten – gleichzeitig stehen sie unter wachsendem Druck und erleben Unsicherheiten. Grundlage sind mehr als 3.000 Befragte österreichweit sowie eine eigens für Tirol in Auftrag gegebene Studie mit 600 Schüler:innen im Alter von 12 bis 17 Jahren. „Das ist die einzige Studie in der Altersgruppe von 12–17 Jahren und liefert neue Einblicke in die Lebenswelt jener Jugendlichen, die knapp vor der Entscheidung für ihren Berufsweg stehen“, so Studienautor Heinz Herczeg. Gerade diese Tiroler Ergebnisse zeigen in mehreren Bereichen deutliche Unterschiede – und liefern damit wertvolle Hinweise für Berufsorientierung, Ausbildung und betriebliche Praxis.
Orientierung: Der frühe Vogel fängt den Wurm
Österreichweit zeigt die Studie ein klares Bild: Viele Jugendliche fühlen sich in ihrer Berufsorientierung nicht ausreichend unterstützt. Zwei Drittel wissen nicht genau, welcher Beruf wirklich zu ihnen passt, und ein Großteil empfindet die vorhandenen Angebote als unzureichend. Orientierung wird damit zu einem der zentralen Engpässe am Übergang von Schule in Ausbildung und Beruf.
In Tirol zeigt sich ein differenzierteres Bild: Jugendliche befassen sich hier deutlich früher und intensiver mit Fragen nach dem passenden Beruf, nach Perspektiven und nach konkreten nächsten Schritten. „Die Auseinandersetzung mit ihrer beruflichen Zukunft hat für Tiroler Jugendliche einen hohen Stellenwert. Das gilt für die Lehre, für den berufspraktischen Bildungsweg aber auch für die akademische Bildung“, betont der Leiter des Bildungsconsultings, Wolfgang Sparer. Gleichzeitig ist der Wunsch, ernst genommen und auf Augenhöhe begleitet zu werden, deutlich ausgeprägter. Bemerkenswert ist jedoch die Haltung vieler Jugendlicher: Trotz bestehender Unsicherheiten wird Unterstützung seltener aktiv eingefordert. Der Wunsch, Dinge selbst zu regeln, ist stark – ebenso wie die Tendenz, Herausforderungen im eigenen Umfeld oder im Freundeskreis zu klären. Genau hier entsteht ein Spannungsfeld zwischen frühem Orientierungsbedarf und zurückhaltender Inanspruchnahme von Hilfe. Gerade darin liegt eine große Chance: Wer Jugendliche früh erreicht, kann ihre Entscheidungen maßgeblich mitprägen – und ihnen realistische Einblicke in berufliche Möglichkeiten geben. Frühzeitige, praxisnahe Orientierung ist damit kein Zusatzangebot, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor.
Motivation: Sinn schlägt Druck
Die österreichweiten Ergebnisse zeigen deutlich: Motivation entsteht nicht primär durch äußeren Druck. Vielmehr sind es Freude an der Tätigkeit, ein gutes Umfeld und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, die Leistungsbereitschaft fördern. Dieses Bild bestätigt sich in Tirol – allerdings noch klarer und konsequenter. Jugendliche orientieren sich weniger an klassischen Karriereoder Einkommenszielen, sondern daran, ob ein Beruf zu ihrem Leben passt, Sinn stiftet und Entwicklung ermöglicht. Arbeit wird nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil eines gelingenden Lebens.
„Die heutigen Tiroler Jugendlichen haben einen anderen Blick auf Arbeit. Sie entscheiden sich weniger wegen Geld oder Karriere, sondern danach, ob sie dadurch ihr Leben verbessern“, erklärt Herczeg. Diese Perspektive verändert auch die Erwartungen an Arbeitgeber: Authentizität, Sinnhaftigkeit und persönliche Entwicklung werden wichtiger als reine Status- oder Einkommensversprechen.
„Für Unternehmen bedeutet das eine klare Verschiebung: Wer junge Menschen erreichen will, muss nicht nur Anforderungen formulieren, sondern Perspektiven aufzeigen. Ein glaubwürdiges Umfeld, in dem Entwicklung möglich ist und Leistung anerkannt wird, wird zum entscheidenden Faktor in der Ansprache und in der Ausbildung“, formuliert Fachkräftekoordinator David Narr die daraus ableitbaren Schlussfolgerungen für die Betriebe.
Finden und binden: Werte entscheiden
Ein Blick auf die österreichweiten Daten zeigt: Zufriedenheit allein reicht nicht aus, um junge Menschen langfristig zu binden. Die Wechselbereitschaft bleibt hoch, selbst bei grundsätzlich positiver Einschätzung von Ausbildung oder Job. Ausschlaggebend sind sogenannte „Job Values“ – also Sicherheit, faire Bezahlung, Wertschätzung, Vertrauen und ein gutes Arbeitsklima. In Tirol treffen diese Faktoren auf eine Generation, die sich ihrer eigenen Erwartungen zunehmend bewusst ist. „Die höhere Eigenständigkeit vieler Jugendlicher bedeutet nicht weniger Bedarf an Orientierung – sondern höhere Ansprüche an Qualität und Glaubwürdigkeit von Angeboten“, betont Wolfgang Sparer. Junge Menschen reagieren sensibel darauf, ob Versprechen eingehalten werden und ob ein Betrieb tatsächlich das lebt, was er kommuniziert. Gerade vor dem Hintergrund des frühen Einstiegs in die Berufsorientierung wird deutlich: „Gewinnung und Bindung beginnen nicht erst mit dem ersten Arbeitstag, sondern deutlich früher. Betriebe, die frühzeitig Einblicke ermöglichen, Kontakte aufbauen und Vertrauen schaffen, sichern sich entscheidende Vorteile im Wettbewerb um Talente“, so David Narr.
KI: Kompetenz vorhanden – Strukturen fehlen
Österreichweit ist der Umgang mit Künstlicher Intelligenz im Alltag junger Menschen längst selbstverständlich. Ein Großteil nutzt entsprechende Tools privat und in der Ausbildung, im Berufsalltag hingegen deutlich seltener. Gleichzeitig fehlt es vielen an klarer Unterstützung und Orientierung im Umgang mit diesen Technologien. Auch für Tirol lässt sich daraus eine klare Schlussfolgerung ableiten: Die Kompetenz und die Offenheit gegenüber neuen Technologien sind vorhanden – oft sogar selbstverständlich. Was fehlt, sind klare Rahmenbedingungen, Orientierung und die Möglichkeit, diese Fähigkeiten sinnvoll im beruflichen Kontext einzusetzen. Für Unternehmen entsteht daraus ein konkreter Handlungsauftrag. Wer jungen Menschen den verantwortungsvollen Umgang mit KI ermöglicht, ihnen Sicherheit im Einsatz gibt und klare Spielregeln definiert, kann vorhandene Kompetenzen gezielt nutzen und weiterentwickeln. Damit wird Digitalisierung vom abstrakten Thema zu einem konkreten Bestandteil moderner Ausbildung.
Lehre: Hoher Stellenwert in Tirol
Die Tiroler Ergebnisse zeigen, dass die Lehre im Vergleich zum Österreichschnitt einen deutlich höheren Stellenwert genießt und von vielen Jugendlichen als attraktive Zukunftsoption wahrgenommen wird. Diese positive Einschätzung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis konkreter Erfahrungen: Praxisnähe, Einblicke in Betriebe und die Möglichkeit, Berufe aktiv auszuprobieren, machen den Unterschied. Die Lehre wird in Tirol als eigenständiger Bildungsweg verstanden, der unterschiedliche Talente anspricht und individuelle Entwicklungen ermöglicht. „Die Studie zeigt deutlich, dass wir in Tirol der Gleichwertigkeit von berufspraktischen und schulisch-akademischen Bildungswegen wesentlich näher sind als im gesamtösterreichischen Durchschnitt“, betont Sparer. „Diese Tiroler Ergebnisse sind absolut erfreulich. Die Lehre wird bei uns nicht nur als Arbeit wahrgenommen, sondern als eigener Bildungsweg, der Chancen und Perspektiven eröffnet“, so David Narr.
Fazit: Gute Voraussetzungen – klare Aufgaben
Die zentrale Erkenntnis der Studie ist eindeutig: Tirols Jugendliche sind leistungsbereit und motiviert. Was ihnen fehlt, sind nicht Wille oder Fähigkeit, sondern Orientierung, Sicherheit und unterstützende Strukturen. „Die Studie zeigt, dass wir hier in Tirol bereits auf einem sehr guten Weg sind. Um noch besser zu werden, müssen wir die Orientierung, Sicherheit und die Möglichkeit für Einblicke in die Praxis für die Jugendlichen weiter stärken. Das ist am effektivsten mit einer flächendeckenden Berufsorientierung zu erreichen“, so David Narr. Auch Studienautor Heinz Herczeg zieht daraus konkrete Schussfolgerungen: „Wenn wir Engagement und Leistung bei Jugendlichen fördern wollen, müssen wir ihre Lebensrealität verstehen und ernst nehmen. Leistung entsteht dort, wo Entwicklung anerkannt wird und Sinn erkennbar ist: Jugendliche wollen wissen, wofür sie etwas tun und welchen Beitrag sie leisten. Motivation entsteht, wenn sie sich als wirksam erleben. Gleichzeitig braucht es die richtige Balance aus Herausforderung und Begleitung.“
Genau hier setzt das Bildungsconsulting der Wirtschaftskammer Tirol an: „Mit neutraler Beratung, fundierten Testungen und praxisnaher Orientierung. Ziel ist es, Jugendliche auf ihrem Weg zu begleiten und gleichzeitig Unternehmen eine verlässliche Grundlage zu geben, um Talente entsprechend ihren Stärken und Potenzialen zu entwickeln“, betont Wolfgang Sparer.
Quelle: Den Originalartikel finden Sie in der Tiroler Wirtschaft auf Seite 60.